Tennessee unter Dampf Drucken
Samstag, den 01. September 2007 um 13:47 Uhr

Der Südstaat des Choo Choo begeistert Eisenbahnfans

Tennessee Valley Railroad
Tennessee Valley Railroad
Tennessee Valley Railroad
Mit gutem Grund ist Chattanooga Stadt des "Choo Choo", mit dem Glenn Miller 1941 die erste goldene Schallplatte einspielte: Hier und an anderen Bahnhöfen in Tennessee sieht man was Amerikas Eisenbahngeschichte so spannend macht.

Eigentlich ist Tennessee eher für seine Musik berühmt: Blues, Soul und Elvis Presley in Memphis, Country Music in Nashville und Bluegrass in den Smoky Mountains ganz in seinem Osten. Eisenbahnfans aber lassen sich in diesem Südstaat auch noch von anderen Sounds begeistern: vom Zischen und Fauchen alter Dampfloks, vom Kreischen der Bremsen, vom Röhren schwerer Dieselmotoren. Dazu der Duft von Maschinenöl und golden schimmernder Weichenschmiere. Tennessee hat mehr davon als jeder andere Staat der USA.

"All abooooooard!" ruft der Schaffner am Bahnhof der Tennessee Valley Railroad in Chattanooga, laut und streng ganz in traditioneller Eisenbahnermanier. Die Dampflok 610 aus dem Jahr 1952 faucht schon ungeduldig. Endlich schließen sich die Türen, und los geht's in Richtung Missionary Ridge Tunnel. Jetzt schnell die Fenster zu, bevor der schwarze Kohlenqualm ins Abteil quillen kann. Stockdunkel ist es im Tunnel, der schon 1858 fast 300 Meter durch den Fels geschlagen wurde. Das war noch vor dem Amerikanischen Bürgerkrieg. Hindurch fuhren erst die Züge der Konföderierten, dann die der Unionstruppen. Verbissen kämpften sie um Chattanooga: um den großen Eisenbahnknoten der Südstaaten. Wer Chattanooga einnahm, kontrollierte die Nachschubwege. In der Schlacht von Chickamauga und der "Battle in the Clouds" hoch in den Wolken auf dem Hausberg Lookout Mountain setzten sich die Nordstaatler durch. Diese Niederlage war der Anfang vom Ende des "Dixie", wie sich die alten Südstaaten stolz nannten.

Drei Meilen weit geht die Fahrt. An der Endstation Grand Junction wird die Lok abgekoppelt und rollt weniger später auf dem Parallelgleis entlang. Der "Engineer" steigt aus dem Führerhaus, hängt den Zug wieder an, und schon geht's ein weiteres Mal durch den Tunnel, zurück zum Museum der Tennessee Valley Railroad.
Auf einem riesigen Gelände stehen Loks und Waggons aus allen Epochen der amerikanischen Eisenbahngeschichte so weit das Auge reicht. Eine große Werkstatt verhilft rostigen Veteranen des Schienenstrangs zu neuem Glanz. Private Fans haben hier, vor den Toren Chattanoogas, seit 1961 das größte Eisenbahnmuseum der Südstaaten geschaffen. "Wir bewahren das Gestern für morgen," hat der langjährige Präsident des Vereins Bob Soule einmal gesagt.
Die Ausflugszüge verkehren von März bis Oktober, manchmal auch gezogen von einer Diesellok, deren schwere Maschine das ganze Gelände erbeben lässt. Einige Male im Jahr rollen sie noch weiter, nämlich bis zum Chattanooga Choo Choo Holiday Inn. Chattanooga's Personenzugbahnhof aus dem Jahr 1909 ist heute ein Hotel, die Schalterhalle dessen Lobby. Die Bahnsteige und Schienen blieben erhalten. Man schläft in umgebauten, mehr als 100 Jahre alten Waggons mit allem Hotelkomfort - oder in Gästezimmern, die sich auf moderne Gebäude rund um den Bahnhof verteilen

Ein Zug des Museums, den eine Dieselschönheit aus den 1950ern zieht, hat sein Depot eine Autostunde entfernt am romantischen alten Bahnhof von Etowah. An Wochenenden geht's mit der Hiwassee River Rail Adventure am wilden Hiwassee-Fluss entlang durch den Cherokee National Forest. Die Strecke mäandert durch geschütztes Bergland, das in weiten Teilen bis heute frei von Straßen ist. Hier sieht man noch das ganz alte Amerika, in dem die Bahn das einzige Mittel war, enorme Distanzen zu überbrücken. Siebzig Kilometer weit windet sich das Gleis durch Flusstäler und Schluchten bis in die Kupferstadt Copper Hill. Hin und zurück dauert die Fahrt drei Stunden voller atemberaubender Aussichten und an Cherokee-Siedlungen entlang. Eisenbahnfans kommen allein schon wegen des Hiwassee Loop, des Paradebeispiels für eine Technik, die frühen Eisenbahningenieure große Steigungen auf engstem Raum überwinden ließ: mit einer Gleisschleife. Der Hiwassee Loop ist Pflicht für jeden amerikanischer "Railroad Buff".

Dampf in Dollywood
Dampf in Dollywood
Dampf in Dollywood
Als solcher bezeichnet sich auch ein gewisser George. Wegen des Hiwasse Loop kam von der Westküste nach Tennessee geflogen und sitzt jetzt kerzengerade vor dem Abteilfenster. "Eine so schöne Schleife habe ich noch nie gesehen!" Vor wenigen Jahren erst hat eine chinesische Bergbaugesellschaft die Strecke mit Millionenaufwand in Stand gesetzt, um Kupfererz aus den Bergen zu transportieren. Das Unternehmen ging bald pleite, aber die Schienen blieben. Jetzt gehören Sie dem regionalen Verkehrsbüro Tennessee Overhill Heritage Association. Die Chefin Linda Caldwell, sonst eher mit dem besten River Rafting östlich der Rocky Mountains auf dem Ocoee River befasst und dem Erbe der Cherokee, ist jetzt auch Präsidentin einer Eisenbahngesellschaft. Das gibt es nur in Etowah! Linda nimmt die unverhoffte Wendung in ihrer Karriere gelassen: "Jedenfalls muss ich keine Kohlen schaufeln, sondern nur den Diesel bezahlen."
Noch einmal eine gute Stunde Autofahrt weiter in Richtung Nordosten kommt man nach Pigeon Forge. Der Urlaubsort am Eingang zum meistbesuchten Nationalpark der USA, Great Smoky Mountains, ist eines der beliebtesten Ferienziele amerikanischer Familen. Seinen Aufstieg verdankt die Stadt vor allem dem Themenpark Dollywood. Die Country-Legende Dolly Parton, sie wuchs im benachbarten Sevierville in großer Armut auf, schuf einen Freizeitpark ohnegleichen. Geboten werden, natürlich, Achterbahnen und viele andere "Rides". Gleichzeitig aber spielen Countrybands, und im Teil Craftsmen's Valley zeigen Schmiede, Wagenbauer und Seifenkocher die alten Handwerke aus den Bergen. Mittendurch fährt eine Bahn: kein Spielzeug, sondern eine echte Dampflok, die früher einmal das Holz aus den Bergen schleppte. Entlang der Strecke sind kleine Szenen im Wald aufgebaut, für die man ein aufmerksames Auge braucht. Zum Beispiel eine kleine Distille, in der "Moonshiners" gerade heimlich Whiskey brennen.

Der Weg nach Westen führt durch Knoxville. Hier donnern endlos lange Güterzüge quer durch die Stadt. Am Tennessee River steht eine alte Diesellok mit vier Waggons, die an Wochenenden zu Exkursionen aufbrechen. Der Three River Rambler bringt seine Fahrgäste zu den Flüssen Holston und French Broad. Solche Touren hat auch das nahe Oak Ridge zu bieten, und zwar zu einem ungewöhnlichen Thema. Der Secret City Scenic Excursion Train rollt mitten durch die Geschichte des Manhattan Project: des Forschungsprogramms, mit dem die USA im Zweiten Weltkrig in der "geheimen Stadt" die Atombombe entwickelten. Zu sehen sind riesige Fabrikanlagen und der gigantische Norris-Staudamm, der damals ein Sechstel der Elektrizität der USA erzeugte, um die Zentrifugen und den Reaktor zu betreiben - in einer Stadt, die es offiziell nicht gab. Das American Museum of Science and Energy dokumentiert diese Geschichte. Oak Ridge pflegt eine Städte-Partnerschaft mit Hiroshima; die Friedensglocke im Stadtpark zeugt davon, dass die Darstellung der Geschichte das Leid der Opfer keineswegs ausblendet.

Weiter den Gleisen nach Westen folgend, erreicht man Nashville - die Hauptstadt des Staates Tennessee und der Country Music. Auch hier fahren, abgesehen von Ausflugstouren der Tennessee Central Railway, schon lange keine Personenzüge mehr, wohl aber gigantische Güterzüge, oftmals mit bis zu fünf Lokomotiven bespannt. Schon früh morgens hört man ihre Fanfaren durch die Stadt hallen. Der alte Bahnhof wurde auch in Nashville liebevoll restauriert. Dort ist jetzt das Hotel Union Station untergebracht. Das Station Inn im Bahnhof gilt als der beste Musikclub in Nashville, um unverfälschten Bluegrass zu hören. Country in jeder anderen Spielart findet man in den Honkytonk-Kneipen, die sich am Broadway aneinander reihen und im Unterhaltungsbezirk The District. Die Geschichte des Country, die in Amerika über weiter Strecken auch die der Eisenbahnist, zeigt die Country Music Hall of Fame mit mehr als einer Million Ausstellungsstücken.

Casey Jones Lok
Casey Jones Lok
Casey Jones Lok
Auf der vierstündigen Fahrt nach Memphis lohnt sich ein Stopp im Casey Jones Village in Jackson. Gut ausgeschildert, nur eine Minute von der Autobahn entfernt, steht hier das kleine, aber hübsche Wohnhaus des Eisenbahnhelden Casey Jones, der anno 1900 sein Leben gab, um seine Passagiere zu retten. Er war wieder einmnal zu schnell unterwegs, als er vor sich auf dem Gleis einen Güterzug auftauchen sah. Statt abzuspringen bremste Casey bis zum bitteren Ende. Alle überlebten den Zusammenprall, nur der arme Casey nicht. Jedes Kind in den USA kennt das Volkslied, das diese Geschichte erzählt. Im Wohnhaus sieht man, wie der bescheidene Wohlstand eines gestandenen Lokführers damals aussah. Nebenan steht ein Feuerross, wie es der Held geritten hat. Man kann auch auf dem Gelände übernachten: in einem umgebauten Bremserwaggon. Der Casey Jones Country Store ist ein letzter jener Landläden, die vor hundert Jahren so typisch für den Süden waren. Aus Schubladen werden altmodische Süßigkeiten verkauft, an einer "Soda fountain" gibt es Limonade. Das beste aber, ein Geheimtipp, ist das Restaurant in den hinteren Räumen. Das Buffet von allerfeinster Südstaaten-Hausmannskost sucht seinesgleichen. Hier findet man leckere Spareribs und und Spezialitäten des Südens wie frittierte grüne Tomaten.
Im Casey Jones Village treffen sich auch gerne die letzten Hobos der USA - die Männer und Frauen, die auf Güterzügen kreuz und quer durchs Land ziehen. "Tennessee ist für uns das Höchste", sagt Fred Starner, ein eihemaliger Wirtschaftsprofessor aus Kalifornien, der den Hörsaal gegen die harten Planken der Boxcars eingetauscht hat. "Die Strecken hier sind einfach grandios, und die Leute unglaublich nett." Dringend rät Fred Starner aber Touristen davon ab, es den echten Hobos gleichzutun. "Auf Güterzüge zu springen ist viel zu gefährlich, das will gelernt sein." Außerdem käme man nicht weit; die Reise würde schnell beim Sheriff enden. "Uns Hobos kennen die Eisenbahnarbeiter; wir sind ihre Freunde, und für uns drücken sie ein Auge zu."

Memphis hat keine Dampfloks zu bieten, dafür aber eine Bahnlinie, auf der auch heute noch Passagiere unterwegs sind. Der Schlafwagenzug "City of New Orleans", betrieben von der Fernbahngesellschaft AMTRAK, fährt von Chicago aus den Mississippi hinunter bis nach New Orleans durch die sternenklare Nacht des Südens. In Memphis stoppen die Züge in der grandios renovierten Union Station, die immer noch Bahnhof sein darf. Gleich gegenüber findet man das unscheinbare Arcade Restaurant. Die Legende geht, dass man dort an manchen Sonntagmorgenden Elvis Presley beim Frühstücken sieht, so wie ihn mindestens jeder zweite Memphian erst vor kurzem als Anhalter mitgenommen haben will. Das ist natürlich Unsinn, denn der "König" aus Memphis ist seit 30 Jahren tot. Sein Geist aber lebt weiter, vor allem auf seinem Anwesen Graceland. Dass Elvis von Zügen etwas verstand, hat er mit Songs wie "Mystery Train" bewiesen.
Eine Eisenbahn im Kleinen verbindet die Touristenattraktionen der Innenstadt miteinander, und auch die berühmte Bluesmeile Beale Street mit vielen Hotels. Die Main Street Trolley begeistert mit elektrischen Straßenbahnen aus den 20er-Jahren. Bezahlt wird nach einem "Ehrensystem": Wer einen Dollar dabei hat, gibt ihn in eine Maschine. Wer ihn nicht hat, erntet höchstens streng-freundliche Blicke der Mitreisenden.

Lookout Mountain Incline Railway
Lookout Mountain Incline Railway
Lookout Mountain Incline Railway
Eine weitere Bahn der besonderen Art hat auch Chattanooga zu bieten. Den Hausberg hinauf kommt man am besten mit der Lookout Mountain Incline Railway. Die steilste Standseilbahn der Welt, ein Jahrhundert alt, aber dank gründlicher Modernisierungen verkehrssicher nach neuesten Standards, lässt beim Blick das Gleis hinab den Atem stocken. Vom Berggrat eröffnet sich dann ein grandioser Blick über Tennessee. Deutlich sieht man die Eisenbahnlinien, die in alle Himmelsrichtungen von Chattanooga fortführen. Und ganz weit entfernt verschwindet gerade ein Güterzug im Dunst des Tennessee River. Ob Hobo Fred wohl an Bord ist?

Reiseinformationen Tennessee: Tennessee Tourism, Horstheider Weg 106a, 33613 Bielefeld, Deutschland, Tel. 0521-986-0415, www.tennessee.de

Zuletzt aktualisiert am Montag, den 15. Oktober 2007 um 01:02 Uhr